Die Folge, in der es um fächerübergreifenden Unterricht an Waldorfschulen geht
In dieser Folge von "Waldorf-Perspektiven" spricht Dr. Moritz Gritzschneider, Experte für fächerübergreifenden Unterricht in der Waldorfpädagogik. Gritzschneider, der in seiner Dissertation das Thema umfassend behandelt hat und bald ein Buch dazu veröffentlicht, gibt exklusive Einblicke in die Bedeutung, Umsetzung und Potenziale des fächerübergreifenden Unterrichts. Die Diskussion beleuchtet, wie ein Unterricht, der über Fachgrenzen hinausgeht, das Lernen bereichern und Schüler besser auf die komplexen Herausforderungen der modernen Welt vorbereiten kann. Hauptthemen und Diskussionspunkte Definition und Abgrenzung: Was ist fächerübergreifender Unterricht und wie unterscheidet er sich vom traditionellen Fachunterricht? Formen des fächerübergreifenden Unterrichts: Welche verschiedenen Ansätze gibt es und welche sind für Waldorfschulen besonders geeignet? Bedeutung für die Entwicklung des Denkens: Wie fördert fächerübergreifendes Lernen eine neue Art des Denkens und die Fähigkeit, mit komplexen Problemlagen umzugehen? Kompetenzorientierung und Bildungsstandards: Welche Auswirkungen haben aktuelle Trends in der Bildungspolitik auf den fächerübergreifenden Unterricht? Potenziale für Waldorfschulen: Welche Konzepte und Ideen aus der allgemeinen Erziehungswissenschaft sollten Waldorfschulen aufgreifen, um ihren Unterricht zukunftsfähig zu gestalten? Schülerorientierung: Wie können die Interessen der Schüler stärker in den fächerübergreifenden Unterricht einbezogen werden? Detaillierte Zusammenfassung Definition des fächerübergreifenden Unterrichts (00:01:57) Gritzschneider definiert fächerübergreifenden Unterricht als den Versuch, ein Thema unter Bezugnahme auf mindestens zwei Fächer zu bearbeiten, wobei Inhalte oder Methoden aus diesen Fächern einbezogen werden müssen. Entscheidend ist, dass ein Erkenntnis-Mehrwert entsteht, der über die Betrachtung aus einer einzelfachwissenschaftlichen Perspektive hinausgeht. "Man kann dann von fächerübergreifendem Unterricht sprechen und zwar immer dann, wenn versucht wird, ein Thema zu bearbeiten, unter Bezugnahme auf nicht nur ein Fach, sondern mindestens zwei […] ganz wichtig ist, dass das kein Selbstzweck ist, sondern das macht nur Sinn und ist nur am Platz, wenn ein Erkenntnis Mehrwert entsteht." Verhältnis zum Fachunterricht (00:02:52) Fächerübergreifender Unterricht ist laut Gritzschneider keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung zum Fachunterricht, der weiterhin seine Berechtigung hat. Er verdeutlicht dies am Beispiel der Industrialisierung, die im Physikunterricht (Dampfmaschine) und im Geschichtsunterricht (Zeitalter der Industrialisierung) behandelt wird. Formen des fächerübergreifenden Unterrichts und ihre Eignung für Waldorfschulen (00:04:20) Gritzschneider erläutert verschiedene Formen des fächerübergreifenden Unterrichts, von einfachen fachüberschreitenden Momenten (z.B. Erläuterung lateinischer Wurzeln im Geschichtsunterricht) bis hin zu aufwändigeren Projekten und Unterrichtseinheiten, die über längere Zeiträume angelegt sind. Er sieht an Waldorfschulen gute Möglichkeiten zur Umsetzung, da sie flexibler organisiert sind und einen guten Austausch zwischen den Kollegen ermöglichen. Fächerübergreifendes Lernen als neue Art des Denkens (00:08:02) In Anlehnung an den Didaktiker Wolfgang Klawki betont Gritzschneider, dass fächerübergreifendes Lernen mehr ist als nur eine Kombination von Fächern. Es erfordert eine neue Art des Denkens, um mit komplexen Problemlagen wie Klimakrise, Digitalisierung oder Demokratie umzugehen. Die Corona-Krise dient als Beispiel, um zu veranschaulichen, wie medizinische, soziologische, wirtschaftliche und bildungsbezogene Aspekte berücksichtigt und in integrierte Lösungen einbezogen werden müssen. Kompetenzorientierung vs. fächerübergreifender Unterricht (00:10:21) Gritzschneider weist darauf hin, dass der Trend zu Kompetenzorientierung und Bildungsstandards in den letzten Jahren dazu geführt hat, dass der fächerübergreifende Unterricht etwas aus dem Blickfeld geraten ist. Er sieht darin sowohl Chancen als auch Gefahren für die Waldorfpädagogik. Konzepte aus der allgemeinen Erziehungswissenschaft für Waldorfschulen (00:13:20) Gritzschneider betont, dass das fächerübergreifende Lehren und Lernen eigentlich zur Waldorf-DNA gehört. Er verweist auf Rudolf Steiner, der das "Übergehen von einem Fach zum anderen" als "allerwohltätigste" für Geist und Seele des Kindes bezeichnete. Trotzdem gibt es kaum theoretische Arbeiten zur Waldorfpädagogik, die diesen Aspekt aufarbeiten. Gritzschneider plädiert dafür, die Interessen der Schüler stärker in den Unterricht einzubeziehen und sie mehr "ans Steuer" zu lassen. "Schon Steiner selbst sagte im Lehrerkurs, dass das Übergehen von einem Fach zum anderen, so hat er das genannt, das Übergehen von einem zum anderen jetzt ist natürlich jetzt seine Zeit und seine Sprache das allerwohltätigste für Geist und Seele des Kindes wäre." Kontext und Hintergrundinformationen Die Waldorfpädagogik legt traditionell Wert auf einen ganzheitlichen Ansatz, der die Verbindung verschiedener Wissensbereiche betont. Der fächerübergreifende Unterricht kann dazu beitragen, dieses Ideal in der Praxis umzusetzen und den Schülern ein tieferes Verständnis der Welt zu ermöglichen. Die Diskussion um Kompetenzorientierung und Bildungsstandards stellt jedoch eine Herausforderung dar, da sie den Fokus stärker auf messbare Ergebnisse in einzelnen Fächern legt.
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